Das Kraud&Ruam Theater

Das Kraud&Ruam Theater
Die SchauspielerInnen und Mitwirkenden des Theterensembles setzen sich aus BewohnerInnen des Instituts Hartheim und der freien Theaterszene zusammen.

Der Verein Kult-Ex hat unter der Regie von Thomas Hinterberger die folgenden Stücke produziert und inszeniert:

2000 Hart.Heim.Suchung

2003 Pia.E. oder Warum Gartenzwerge rote Mützen tragen

2008 Motten im Paradies

Für diese Zusammenarbeit wurde Thomas Hinterberger 2004 der Anerkennungspreis für Bühnenkunst des Landes OÖ verliehen.

Verleihung des Bühnenkunstpreises 2004

Kritiken Hart.Heim.Suchung

DER STANDARD, 1. März 2000
Die Wiederkehr des Schreckens

Sie kommen wieder, diejenigen, die überall die gleiche Ordnung, dasselbe Normalmaß durchsetzen wollen, und vermessen höchst penibel Kopf und Glieder.

Das Schloss Hartheim in Oberösterreich ist ein Ort mit grauenvoller Euthanasie-Vergangenheit: Eine alte Frau wird von Geistern gequält, die Assoziationen in diese Richtung mobilisieren. Zuweilen durchbrechen zärtliche, aufgewühlte Erinnerungssplitter den infiltrierten Zwang zur Ordnung und bringen neues Leben in ihr Gesicht.

Dann erscheint eine junge Frau – ist es eine andere oder vielleicht dieselbe in einer anderen Zeit? – und befreit die alte. Die folgenden Szenen widerspiegeln eine bunte, integrierte Welt, eine Welt der vermischten Wunsch- und Medienbilder. Heraus kommt eine echte Herzblatt-Show, eine Paraphrase ohne Masken und Gardemaße. Das lustvolle Zerbrechen der hölzernen Maßstäbe gleicht einem befreienden Ausbruch aus dem Gefängnis klischeehafter Zuordnungen von normal und nicht normal, von behindert und nicht behindert.

Das Institut Hartheim hat schon öfter mit engagierten Kulturprojekten auf sich aufmerksam gemacht, hat den Dirigenten Franz Welser-Möst als „Artist in Residence“ gewonnen und den prächtigen Bildband Abdias produziert.

Mit Hart. Heim. Suchung folgte nun ein Theaterprojekt, das die erfolgreiche Integrations- und Öffentlichkeitsarbeit eindrucksvoll fortsetzt. Die ironisch-lustige, kritische und berührende Bilderfolge wurde in langen Gesprächen und vielen praktischen Experimenten von Walter Kohl, Rudolf Habringer (Text) und Thomas Hinterberger (Regie) mit professionellen Schauspielerinnen und einem guten Dutzend Bewohnern des Instituts erarbeitet.

Lebenswelten, Erfahrungen, Wünsche und Erinnerungen mischen sich zu einem Kaleidoskop, das so manchem Profibetrieb die Schamröte ins Gesicht treiben sollte. Dass es allen Beteiligten dazu noch Spaß gemacht hat, ist nicht nur hautnah zu erleben sondern auch Teil Projekts.

 

 

OÖN,  28. Februar 2000
Es will durch den Verdrängungsschlamm

„Ordnung muss sein!” – presst die Frau zwischen den Zähnen hervor. Sie wischt und putzt und wischt und putzt. Imaginäre Flecken von imaginären Flächen: „Alles an seinem Platz… muss sein … Quillt was heraus, was nicht heraus soll!“

Traumfetzen etwa. Aus der Vergangenheit als NaziHelferin im Euthanasieschloss. Albtraumfetzen, in denen sich all die „Lebensunwerten“, die ins Gas Geschickten, zum rasenden Furioso verdichten.

Theater mit behinderten Menschen und Theaterstücke über NaziGreuel. Was gibt es Schwierigeres für einen Rezensenten. Weil von den Produzenten oft Ursache und Wirkung verwechselt werden. Weil da allzuoft gedacht wird, der Zweck heilige alle Mittel, auch die der Inkompetenz.

„Was will man da schreiben? -so denn auch die Frage anlässlich der Premiere des Stückes „Hart.Heim.Suchung”, das derzeit im Behinderten-Institut Hartheim bei Alkoven aufgeführt wird.
„Ohnehin nur gut?“

Richtig es kann nur gut geschrieben werden. Allerdings nicht, weil es um eines der finstersten Kapitel österreichischer Geschichte geht. Und nicht, weil dreizehn Schauspieler des Stückes behinderte Menschen sind.

Hier ist vielmehr in einer höchst dichten Konsistenz etwas gelungen,
das sich im schlichten Wort „Erlebnis“ bündelt.

In eineinhalb Jahren hat der Linzer Regisseur Thomas Hinterberger nach Texten von Walter Kohl und Rudolf Habringer mit sechzehn Akteuren verschiedene Traumsequenzen erarbeitet, die durch den Verdrängungsmorast der Frau nach oben steigen. Unverfälschte Begegnungen mit behinderten Menschen. Mit ihren Sehnsüchten, mit ihrer Realität, ihrer Lust, ihrem Unbehagen, ihrem Zorn.

Authentische Beiträge, deren Betrachtung Ambivalenz hervorruft. Aber das ist wohl so, wenn sich psychisches Anderssein vorwiegend in Instituten, in Heimen abspielt und nicht eingebunden in das alltägliche Umfeld. So bleibt einem das Lachen ob der Purheit der hier vermittelten Emotionen nur allzuoft ganz tief und ganz hinten verschämt im Hals stecken.

Wenn je ein Beitrag zur adäquaten, sensiblen Aufarbeitung von Geschichte über und mit Behinderten gemacht werden kann, hier ist ein wesentlicher davon.

Darum sämtliche Hüte ab vor, dieser so außergewöhnlichen künstlerischen Leistung. Hochachtung an Anita Koplinger, Sandra Hofstätter, Sophie Liebner, an die „Hart.Heimer“ Ludwig Bachner, Sonja Balint, Kurt Baumgartner, Elfriede Berger-Söllinger, Elisabeth Brandstetter, Karin Gressenbauer, Kurt Lorenz, Franz Mair, Kurt Mayr, Thomas Schlossgangl Susanne, Schmidt, Helmut Stingeder, Christine Wiesinger samt der Musik von Heller/Qualtinger.

Kritiken Pia E:
Kronenzeitung, 24. Mai 2003

Die verschwiegene Schwester

Der Autor Walter Kohl erarbeitete mit einem Schauspielteam des Institutes Hartheim das ergreifende Stück „Pia E. oder warum Gartenzwerge rote Mützen tragen“. Es ist die zweite Theaterproduktion der Gruppe und wurde von Regisseur Thomas Hinterberger sehr bildhaft gestaltet. Heftiger Beifall für die Darsteller!

Es gibt Gartenzwerge mit roten Mützen und mit grünen. Die mit den roten Mützen sind etwas eigen, doch wenn man genauer hinsieht, wirken die mit den grünen, die sogenannten „Normalen“, auch komisch. Alles eine Frage der Perspektive also. Aber die Geschichte der roten Mützen ist schauerlich, es geht um Kindsmord.

Um Geschichte geht es auch Monika, und die ist eng verknüpft mit der verschwiegenen Schwester, deren Eigenheit, vielleicht auch Behinderung genannt, „einem gesunden Kind nicht zumutbar“ gewesen wäre. Wie sehr sich Monika aber gerade nach dieser Schwester gesehnt hat, erzählt das Stück in ironischen, surrealen und auch makabren Szenen.

Vieles hat Platz: das Paradies, Rotkäppchen, eine Szene im Mutterbauch. Zum Einsatz kommen einfache Requisiten, tolle Kostüme und Handpuppen, es gibt Gesangs- und Tanzeinlagen. Die Szene der Annäherung der beiden Tiere – das eine ganz klein, das andere stark – zählt zu den wunderbarsten Momenten dieser beeindruckenden Aufführung. Schauspielerisch taten sich vor allem Elisabeth Brandstetter, Helmut Stingeder und Helga Vogelhuber hervor.

 

OÖN, 17. Mai 2003

Ein Tabu bekommt ein Gesicht

Eine Szene, die tief berührt und ans Herz geht: Elisabeth Brandstetter und Sandra Hofstötter als Schwestern, die sich in diesem Stück zumindest in ihrer Phantasie wiedergefunden haben, nehmen sich behutsam an den Händen, und tanzen synchron miteinander.

„Pia E. oder Warum Gartenzwerge rote Mützen tragen“ heißt das Stück, das am Donnerstagabend im neu renovierten Wirtschaftsstadel von Schloss Hartheim in Alkoven uraufgeführt wurde. Gespielt vom „Kraut&RuamTheater“, einer seit zwei Jahren bestehenden Theatergruppe im Institut Hartheim, einer Einrichtung für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung.

„Pia E.“ ist nach „Hart. Heim.Suchung“ die bereits zweite Produktion dieser Gruppe. Der Linzer Theatermann und Regisseur Thomas Hinterberger hat diese wahre Geschichte gehört, der Puchenauer Autor Walter Kohl hat sie in Textform gegossen: Monika, die im Nachlass ihrer Mutter die Geburtsurkunde einer Schwester findet, von der sie nie etwas gehört hat. Sie forscht nach und kommt drauf, dass ihre von Geburt an behinderte Schwester nach einigen Tagen gestorben ist. Das Geschwisterchen, weil behindert, blieb ein lebenslanges Tabu der Eltern.

Ergänzt wird diese Geschichte von den aus Improvisationen entstandenen Szenen des „Kraut&RuamTheater“-Teams, das kurze Geschichten über Kindheit, Alltag, Wohnen, Behinderung, Kinder bekommen erzählt, die von Thomas Hinterberger recht geschickt und durchaus logisch ins Bühnengeschehen integriert worden sind. Mit Ernst, aber auch sichtbarer und ansteckender Freude bei der Schauspielarbeit: die „Hartheimer“ Ludwig Bachner, Sonja Balint, Elisabeth Brandstetter, Elfriede Berger-Söllinger, Roman Kohout, Sanie Salihi, Helmut Stingeder, Helga Vogelhuber, Thomas Wintersteiger. Unterstützt von den Gastschauspielern Sandra Hofstötter, Anita Koplinger, Christina Reichsthaler und Hans Scharinger und dem Musiktrio Brigitte Nickl, Daniel Reichsthaler und Angela Schreiner.

Ein Abend, der beeindruckt, berührt, nachdenklich macht und an dem aber auch viel gelacht werden darf. Begeisterter Applaus des Publikums bei der Uraufführung. Und berechtigte, große Freude über diesen beachtlichen Bühnenerfolg hat das Schauspielteam samt Regisseur Thomas Hinterberger.